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Mittwoch, 23.04.2014 – 11-18 Uhr
Donnerstag, 24.04.2014 – 11-18 Uhr
Ort:
Potsdamer Platz (Süd), 10785 Berlin  //  Freifläche in Höhe:  Potsdamer Platz 10

 

INSTALLATION:

Zwei Wohncontainer, sechs Räume, sechs Sprachen, sechs Kulturen, x Begegnungen.

Herzlich Willkommen! ist ein mobiler Bau, in dessen Innern der Besucher in sechs Räumen sechs Menschen begegnet, die für verschiedene nationale Minderheiten oder Mehrheiten, für verschiedene Formen und Stufen von Fremd- und Eigenheit stehen. Die Begegnungen mit den Besuchern finden in einer Umgebung und unter Bedingungen statt, unter denen sich die  Beziehung zwischen „Besucher“ und „Gastgeber“ ändern kann. Der Besucher der diesen Raum mit der Gewissheit betritt, zur Mehrheitsgesellschaft zu gehören, wird im Innern des Baus zur Minderheit. Beim Durchgang durch die einzelnen Räume und im  persönlichen Kontakt zu den Gastgebern verändert sich die gegenseitige Wahrnehmung der beteiligten Akteure.

Das Projekt setzt sich zum Ziel zumindest punktuell und anlassbezogen eine Auseinandersetzung mit dem Thema „kulturelle Vielfalt“ und darauf basierend „europäische Identität“ anzustoßen. Auf der Schattenseite kommen dabei Themen wie „Ausgrenzung“, „Xenophobie“, „Leitkultur“ ins Spiel.

Der Raum in dem sich Herzlich Willkommen! abspielt, ist ein Bau, der aus zwei Container-Module gebildet wird, mit einem Ein- und einem Ausgang, die so gelegen sind, das die Menschen einander beim Betreten und Verlassen des Bau nicht sehen können. Der Bau ist von Außen vollkommen schlicht, im Innern aber reich und vielfältig. Der äußere Eindruck soll so neutral wie möglich sein. Der Charakter des Baus soll keinesfalls auf sein Inneres hinweisen, damit der Besucher den Bau ohne vorgefasste Erwartungen und Vorstellungen betritt.

Der Bau ist in sechs je drei mal zwei Meter große Räume unterteilt. Jeder Raum hat 2 Türen ohne Klinke, ohne Griff. Der Gast öffnet also mit Druck auf die Türfläche den Durchgang in den nächsten Raum. Jeder der sechs Räume ist thematisch gestaltet. Thematische Gestaltung heißt in diesem Fall, dass sich in jedem Raum spezifische Gegenstände und Produkte der jeweiligen Kultur finden, die so bezeichnend sind, dass der Gast/Besucher ohne weiteres erkennt, welches Land hier den Ton angibt. Diese „kulturellen Elemente“ stellen also eine heimische – auf der anderen Seite – fremde Umgebung her. Und in diesem Ambiente begegnet der Gast/Besucher jeweils einem Vertreter der betreffenden Kultur.

Die Menschen innerhalb des Raums, der kulturelle Kontext und die Sprache der Akteure verändern sich. Das Projekt “Herzlich Willkommen!” bietet die Erfahrung von Entfremdung im Gegensatz zu Authentizität, von Vielfalt im Gegensatz zu Einheitlichkeit, von Vermitteltheit gegenüber Unmittelbarkeit, von Exil versus Heimat.
Potsdamer Platz – Süd:

Potsdamer Platz Süd_web

 

 

HINTERGRUND:

Wir behandeln das Thema (oder den Themenkomplex) Minderheiten, Diskriminierung und Entfremdung. Das zentrale Element unseres Arbeitsansatzes ist es,  die Erfahrung von Personen, die selbst im Ausland leben, sich als Ausländer und als Teil einer ethnisch-kulturellen gesellschaftlichen Minderheit erleben, zum Ausgangspunkt und Gegenstand von einer Selbsterfahrung Dritter vorzüglich Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft zu machen, in dem wir den Rahmen und die Situation für unmittelbare, kurzfristige aber intensive Begegnungen an einem klar als artifiziell also künstlich bzw. künstlerisch markierten Ort schaffen.

Migranten, Menschen, die aus den verschiedensten Gründen entschieden haben in einem Ausland zu leben, werden schnell mit der Tatsache konfrontiert, dass sich für sie als Fremde im neuen sozialen Umfeld ihr sozialer Status vielfach gerade zu einem großen Teil über die „Fremdheit“, Nicht-Zugehörigkeit definiert und in massiver Weise ihr Selbstverständnis und eine bis dahin gewohnte Selbstverständlichkeit in Frage stellt.

Herzlich Willkommen! ist ein Projekt im Rahmen einer als kooperativ/kolaborativ bzw. partizipativ verstandenen Kunst. Was bedeutet, dass der jeweilige Schaffens- oder Herstellungsprozess im Zeitlauf realer Prozesse stattfindet, in Echtzeit , und wir uns thematisch sehr direkt an bestimmte gesellschaftliche Akteure bzw. bestimmte soziale Gruppen wenden. Die Vielzahl von einzelnen Aktionen und Aktivitäten, die wir hier unter dem Titel “Herzlich Willkommen!” zusammenfassen folgen diesem Verständnis und diesen Zielen von Kunst und kultureller Aktion – und zwar sowohl in der Art und Weise, wie die gewünschten und erhofften Prozesse in Gang gesetzt werden, als auch in dem hohen Maß an persönlichen Engagement, das von jedem Beteiligten – eben auch den Besuchern/Betrachtern – bei der Realisierung des Projekts gefordert ist.

Zur Realisierung diese Projekts haben sich junge Künstler zusammengeschlossen, die in Deutschland, Tschechien und der Türkei leben, studieren und /oder arbeiten. Wir stehen aber mit unserem Lebensweg und unserer Familiengeschichte für ein weit größere Zahl von Ländern und Kulturen. Und auch, wenn einige von uns im Augenblick dort leben, wo wir „hingehören“, wo wir „herkommen“, haben wir doch alle schon für eine längere und lange Zeit die Erfahrung gemacht, dass wir die Fremden sind, die die eben nicht dahin gehören, die bestenfalls geduldet werden und uns vielleicht bestenfalls für eine Weile mit dem freundlichen Interesse begegnet wird, mit dem man etwa eine exotische Pflanze bedenkt. In dieser einigermaßen zugespitzten und kokettierenden Beschreibung  mag man gleichwohl die Verunsicherung und Verletzungen herauslesen, die die oft auch leichthin und harmlos angebrachten positiven wie negativen Diskriminierungen mit sich bringen.

Die Beschreibung ist insofern kokett, als die meisten von uns diese Erfahrungen im Fremdsein zumeist in der relativ privilegierten Position eines Austauschstudenten, eines Artist in Residence, eines Reisenden gemacht haben.

Herzlich Willkommen! am 11./12.3.2014 in Ostrava / Tschechien:Panorama_Ostrava