Christine Weber, Nur nach vorne, 2018, Öl auf Leinwand, 70 x 120 cm[Detail]

 

 

Eröffnung: Fr 16.11.2018, 19 Uhr
Ausstellung: 17.11. – 08.12.2018 • Mi – Sa 15-19 Uhr u.n.V.
Finissage: Sa 08.12.2018, ab 15 Uhr

 

Mi 28.11.2018, 19:30 Uhr
Vortrag Dr. Peter Müller: Im Gleichschritt ins All

 

Sa 08.12.2018, 18 Uhr
Vortrag Wolfgang Kil: Die Republik der Roten Halstücher

 

 

 

Gefördert durch:

 

 

 

 

 

 

Thema der Gruppenausstellung NUR NACH VORNE ist unser aktuelles Verhältnis zur Moderne. Die Werke der Künstler nutzen das Spannungsfeld, dass die „Moderne“ nicht ohne Vergleich zu denken ist: „Moderne“ löst sich – wie dies im Kontrast von „modern“ versus „unmodern“ deutlich wird – von einer Vor- oder einer Nicht-Moderne ab. Es entsteht eine nicht nur vergleichende, sondern auch eine zeitliche Dimension, denn Moderne meint Entwicklung und Fortschritt. Hierdurch ist der „Moderne“ der westlichen Gesellschaften ein auf die Endzeit gerichteter Zeitpfeil eingeschrieben, denn das Paradies auf Erden heißt Fortschritt. Die ausgestellten Werke werden uns zu unterschiedlichen künstlerischen Aussagen über die Distanz, die unsere Gesellschaft inzwischen zu der Moderne und ihrem Fortschrittsgedanken unterhält, führen. Die übergreifende Verbindung, der rote Faden, der sich durch die Ausstellung zieht, ist, dass sich alle Werke mit der Qualität eben dieser Distanz befassen werden, insbesondere auch in Bezug auf die heutige Wahrnehmung nachkriegsmoderner Architektur.

 

Wie beurteilen wir heute die Architektur der sechziger und frühen siebziger Jahre, einer Zeit der brutalistischen Ästhetik von Sichtbeton und der metabolistischen Großentwürfe? Am konsequentesten wird der Wille zur kompromisslosen Neugestaltung wohl in den Konzepten von Le Corbusiers verdeutlicht, welcher die „alte Stadt“ komplett auslöschen wollte und die Entwürfe seiner neuen „Strahlenden Stadt“ mit einem Raster von Hochhäusern überzog. Auch in den monumentalen Trabantenstädten wie dem Berliner Märkischen Viertel oder der Gropiusstadt wurden neue Formen des sozialen Miteinanders entwickelt und Urbanität als bewohnbare Skulptur gedacht. Die Moderne ist nicht denkbar ohne die Vision vom großen Plan, welcher die Gesellschaft im Prozess einer umfassenden Neugestaltung formt und welcher alles Überholte verdrängt. Die Großartigkeit dieser Gedanken verträgt sich allerdings nur schlecht mit der Realität unserer Zeit, in der die nachkriegsmoderne Architektur häufig entweder vergessen zum Restbestand verkümmert oder nur noch im Zusammenhang mit Fragen nach Umgestaltung oder Abriss Erwähnung findet. Durch das Verschwinden der Moderne aus unserer Umwelt löst sich auch ihr einstiges utopisches Versprechen auf. Die Ausstellung NUR NACH VORNE will Antworten auf die Frage finden, welche Bedeutung diesem Verschwinden zukommt.

 

                                                                                                                                     Alekos Hofstetter

 

 

 

 

Im Gleichschritt ins All.

Vom Wandel räumlicher Repräsentation in Ost-Berlin der 50er und 60er Jahre

Ein Vortrag von Dr. Peter Müller am Samstag, den 28.11. 2018 um 19:30

 

Thema des Vortrags ist, wie sich die Vorstellungen von repräsentativer Stadt- und Staatsarchitektur in der Hauptstadt der DDR entwickelt haben, wobei besonders auf das Wechselspiel von Horizontalität und Vertikalität eingegangen wird. Ausgehend von der kriegszerstörten Stadt wird gezeigt, wie die neue, die „schöne“ Stadt als Aufmarschplatz für Großdemonstrationen gedacht und geplant wurde, während das Zentrum der Stadt einem monumentalen, quasi himmelsstürmenden Regierungsgebäude vorbehalten blieb. Mit dem Beginn des „Kosmoszeitalters“, in dem sich der Sozialismus lange als Sieger beim Wettlauf ins All sehen durfte, wurden für dieses Höhenmonument dann Formen gefunden, die noch heute architektonisch überzeugen, den tieferen Sinn ihrer Bildsprache aber selbst vergessen haben.

 

Dr. Peter Müller ist Kunsthistoriker und Publizist. Geboren 1967 in Roßlau/ Elbe. Studium der Informatik, Kunstgeschichte und Publizistik an der Universität Rostock und der Freien Universität Berlin. 1997 Magister Artium mit einer Arbeit zur Planungs- und Baugeschichte des Berliner Fernsehturms („Symbol und Aussicht“). Zwischen 1998 und 2001 Mitglied des Graduiertenkollegs

In den Jahren 1998 bis 2001 wirkte er als Mitglied des Graduiertenkollegs Politische Ikonografie an der Universität Hamburg und war Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft. 2002 promovierte er sich mit einer Arbeit (Symbolsuche) zur Geschichte der Ost-Berliner Repräsentationsarchitektur im deutsch-deutschen Kontext.

Peter Müller erforscht die Verbindung von Politik und Stil in Kunst und Architektur nach dem Zweiten Weltkrieg. Überdies ist er seit 1992 auch für überregionale Zeitungen journalistisch tätig; unter anderem für die Berliner Zeitung, Die Welt, FAZ. Von 2003 bis 2005 war er als persönlicher Referent der Kulturstaatsministerin Christina Weiss tätig. Seit 2006 in verschiedenen Positionen tätig bei der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien. Peter Müller lebt und arbeitet in Berlin.

 

 

Die Republik der Roten Halstücher   Artek – Das Pionierlager auf der Krim

Ein Vortrag von Wolfgang Kil am Samstag, den 8.12. 2018 um 18:00

 

Artek am Südufer der Halbinsel Krim war das größte Pionierlager der Sowjetunion. Berühmt wurde der Ferienkomplex vor allem durch seine maritime, fein gegliederte Architektur. Die fünf würfelförmigen Wohnpavillons, die an der Uferpromenade zum Strand hinaus ragen, sind geradezu Ikonen der sowjetischen Nachkriegsmoderne. Hauptarchitekt des „modernen Artek“ (Bauzeit 1957-69) war Anatoli Poljanski. Mit seinem Artek-Baukasten trieb er das industrielle Bauen voran, vor allem aber hat er dem hoffnungsvollen Geist der von N. Chruschtschow eingeleiteten „Tauwetterperiode“ ästhetisch Ausdruck gegeben. In den nachfolgenden Jahren der Stagnation stand das straff organisierte Freizeitleben der Pioniere wieder stärker im Vordergrund. Ab 2004 wurde der Komplex umgebaut und dabei vollkommen überformt. Das „moderne Artek“ ist also Geschichte geworden, die gerecht zu beurteilen heute gar nicht so einfach ist.

 

Wolfgang Kil ist Architekturkritiker und Publizist. Nach seinem Studium der Architektur in Weimar war er unter anderem angestellter Architekt im Wohnungsbaukombinat (Ost)Berlin, Redakteur der Fachzeitschrift „Farbe und Raum“ und nach 1990 der Zeitschrift Bauwelt. Er schreibt bevorzugt zum demografischen Wandel und dessen Auswirkungen auf schrumpfende Städte und Regionen in Ostdeutschland und Osteuropa sowie über den Umgang mit Architektur der Nachkriegsmoderne.

www.wolfgang-kil.de

 

 

 

EVOL

Mit Architektur als Metapher für den Zustand der Gesellschaft beschäftigt sich EVOL. Seine Reihe der „Plattenbauten“ fungieren als Symbol einer gescheiterten politischen und sozialen Utopie. Sie werden, wie kleine Mahnmale der an den Stadtrand gedrängten großen Brüder, wieder in das kollektive Gedächtnis der herausgeputzten Innenstädte installiert. Parasitär bemächtigen sie sich dabei gewohnter und gewöhnlicher Strukturen und Situationen, die durch minimale Eingriffe eine andere Bedeutung erhalten.

Bevorzugtes Material von EVOLs Atelierarbeiten sind hingegen ausrangierte Verpackungs- und Umzugskartons, auf die in einem aufwändigen Schablonenverfahren ‚Portraits‘ meist schmuckloser unsanierter Berliner Fassaden aufgebracht werden. Die Verpackung dient meist lediglich dem Schutz seines Inhaltes und sammelt so unwillkürlich die Spuren des Gebrauchs. Eine Art visueller Geschichtsschreibung, eine Identität, die den tatsächlichen Gebäuden im Zuge der kommerziellen Sanierungen abhandenkommt.

www.evoltaste.com

 

 

ALEKOS HOFSTETTER

Bauten der Nachkriegsmoderne funktioniert Alekos Hofstetter in seinen Zeichnungen des Werkzyklus TANNHÄUSER TOR zu utopischen Kultstätten um. Die neu geschaffene Bildwelt des TANNHÄUSER TORS mit ihren brutalistischen Neu- und Umbauten hat nichts mit Nostalgie gemein, und auch die vom Künstler pseudo-romantisch angelegten Landschaften sind wohl eher eine schlaue Finte.

Die in den Zeichnungen oft durchgeführte phantastische Verpflanzung von modernistischen Bauten in Landschaften, in denen man wohl eher Burgen vermuten dürfte, macht für den Betrachter sichtbar, dass eine solche Dekontextualisierung eine Neubewertung ermöglicht. Beton. Es kommt eben drauf an, was man draus macht. Alekos Hofstetter holt paradoxerweise auf dem Wege der Entrückung zurück, was in die Ferne abgeglitten war, und liefert analytisch klar einen wichtigen künstlerischen Beitrag zu dem längst überfällig gewordenen sozial-ästhetischen Diskurs um die Verödung, die die fortschreitende Verdrängung der Moderne nach sich zieht.

www.alekos-hofstetter.de

 

 

AGLAIA KONRAD

Im Zentrum der Arbeit der österreichischen Künstlerin steht die fotografische Untersuchung des städtischen Raumes als zentrale Organisationsform zeitgenössischer Kulturen. Aglaia Konrad reist im Zuge ihrer Projekte in zahlreiche Großstädte und urbane Agglomerate weltweit, um die Struktur dieser städtischen Räume und dadurch gleichzeitig die architektonischen und städtebaulichen Ideen der Moderne als weltweit verbreitete Form der Aneignung von Raum und Gesellschaft zu dokumentieren. Das dabei entstandene Archiv stellt einen herausragenden Korpus zeitgenössischer dokumentarischer Fotografie dar, bildet mittlerweile einen eigenen Untersuchungsgegenstand und ist der Ausgangspunkt ihrer Projekte, Ausstellungsbeiträge und Installationen.

www.nadjavilenne.com

 

 

THOMAS RAVENS

Seine Arbeiten sieht Thomas Ravens gerne der Landschaftsmalerei zugeordnet. Der Begriff der Landschaft –  dazu gehört selbstverständlich die Architekturdarstellung – ist dem phänomenologischen Standpunkt des Menschen verhaftet, richtet sich auf das, was dieser von einem präsentischen Standpunkt erfahren kann. Gleichzeitig ist Landschaft kulturell übercodierter Raum, in der Komplexität ihrer Gegenwart und ihrer historischen Tiefe. Auf der horizontalen Achse ist die Landschaftsmalerei im späten Kapitalismus und Anthropozän offensichtlich unzulänglich, wenn es darum geht, die Gegenwart zu beschreiben.

 

Mag die Seele zwar noch manchmal daran zu glauben, im Mondenschein nach Hause zu fliegen, so ist sie schon in Wahrheit längst auf der Suche nach härteren Drogen.

Ein Ansatz, den Landschaftsbegriff produktiv zu machen, ist für Ravens, ihn mit dem Begriff des Spektakels kurzzuschließen. Seine Arbeitsthese ist, das Spektakel, wie Guy Debord es 1967 beschrieb, habe den Platz als Energie- und Lichtquelle im Innern des Bildes eingenommen und ist somit ein Zugang zu der Fülle oder Leere dieses Begriffes. Die Arbeit besteht darin, diese Lichtquelle, das Weiß des Bristolkartons zu modifizieren und zu strukturieren und mit Hilfe der Imagination und Konstruktion, den Rändern und Überschreitungen des Landschaftsbegriffes Bilder abzugewinnen.

thomasravensjunior.tumblr.com  //  www.instagram.com/scrapyardtextsonlandschaft/

 

 

CHRISTINE WEBER

Christine Weber beschäftigt sich in ihren Gemälden und Prints mit der Darstellung von Modernität im Film. Durch Abstraktion entwickelt sie aus einzelnen Filmeinstellungen Gemälde, die den Betrachter an die Wiedergabe von Zuständen filmischer Selbstreflexivität erinnern. Genau wie das Referenzmaterial, also die Filmaufnahme, beziehen sich die Bilder von Christine Weber auf die Darstellung einer Illusion. Aber die Künstlerin ermöglicht dem Betrachter durch das gemalte „Filmbild“ die Realität einer solch medial neuen Darstellung in ein Verhältnis zur Erinnerung an einen Film zu setzen. Auf diese Weise wird sichtbar, dass Erinnerung immer auch Erfindung, ein schöpferischer Prozess ist. Durch ihre Konsequenz beim Reduzieren von Bildinformation entsteht in Christine Webers Gemälden eine überraschend neue Perspektive auf szenographische Arrangements. Auf diesem Weg thematisiert die Malerin, die Instabillität in der Unterscheidung zwischem „nur Vorgestelltem“ und „tatsächlich Vorhandenem“.

www.christineweber.info